Herr Bello und das blaue Wunder.


die eulen und ich.


Ich wollte Menschen fotografieren. Einfach Menschen. Beim Lachen, beim Weinen, Spielen, Singen, Arbeiten, Denken, Staunen und wenn sie sich ärgern. Einfach so.

Einfach so? Wer in Gottes Namen lässt sich denn dabei einfach so fotografieren? – Schauspieler! die eulen, mir nicht unbekannt, kamen mir in den Sinn. Ein Anruf bei Barbara Metelmann und  … ich durfte miterleben, wie ein Theaterstück entsteht. Ich war hoch begeistert, ich wurde überrascht. Es war spannend, es war lustig, es war etwas total Neues für mich.

Schnell stellte ich jedoch fest, dass es im Ergebnis nicht das werden würde, was ich mir ursprünglich vorgenommen hatte. Dennoch, ich hatte großen Spaß. Entstanden ist eine Dokumentation zu einem Theaterstück.

Ich habe interessante Menschen kennengelernt, die mich offenherzig aufgenommen haben.

Hoffentlich machen sie noch lange weiter, die eulen. Gerne werde ich mich an diese Zeit erinnern.


Möge Euch das Publikum treu bleiben!


Danke und auf ewig - toi toi toi!



die eulen.


Als im November 1979 sieben Gleichgesinnte beschlossen „Theater zu machen“ ahnten sie sicher nicht, dass sie dieses Projekt gut 30 Jahre später immer noch beschäftigen würde. Spricht man mit ihnen, scheint die Zeit wie im Fluge zu vergehen und schnell wird klar, Theaterarbeit ist etwas Besonderes und die Menschen leisten etwas Besonderes.

Die „Familie“ der eulen ist heute auf gut 50 Mitglieder, zumeist passive, angewachsen. Als ich mich zum ersten Mal mit ihnen in ihrem „Nest“, so bezeichnen sie ihren Probenraum, traf, war ich gefangen. Gefangen in den Erinnerungen die dort Realität zu werden scheinen. Ob Handwerker oder Akademiker, ob Jung oder jung geblieben, in allen Augen blitzt ein Leuchten, wenn sie anfangen aus ihrem Theaterleben zu erzählen.

Die Jahre sind gefüllt von fabelhaften Erlebnissen, geprägt von tiefen Freundschaften und bunt gefärbt von den unterschiedlichsten Charakteren. Ich treffe auf feinsinnige, sensible und wunderbare Menschen, deren gemeinsame Leidenschaft sie scheinbar auf ewig zusammenschweißt.

Während sie erzählen, gleiten meine Augen über die großen Lettern an der Wand. Brecht, Dürrenmatt, Ibsen, Havel, Nestroy und viele mehr. Der hohe Anspruch ihrer Stücke gipfelte wohl in einer Welturaufführung eines Werkes Erich Kästners im Jahre 1995. Bei dem Gedanken daran bekomme ich Gänsehaut und es fällt mir schwer, den weiteren Ausführungen zu folgen. Ich sammle mich wieder, als meine Augen den Namen Michael Ende scannen. In regelmäßigem Wechsel führen die eulen Kinderstücke von weltbekannten Autoren wie Jewgenij Schwarz, Tankred Dorst oder etwa Angelika Bartram auf. Meine Augen beruhigen sich nicht, wandern weiter. Die Menschen, die Bilder, das Ambiente, die Requisiten. Ich höre zu und höre weg. Meine Multitaskingfähigkeiten scheinen ausgereizt. Jung, jung geblieben. Von Jungen und Junggebliebenen für Junge und Junggebliebene … hier wird alles relativ … mir ist jetzt klar … hier wird Theater gemacht!



Das Stück.


Wenn man auf der Suche nach einem besonderen Kinderstück ist, dann kommt man natürlich an Paul Maar, dem Vater so vieler wunderbarer Roman- und Theaterfiguren nicht vorbei.

Mit großer Vorfreude kündigten die eulen an, dass sich mit der Premiere am 14.11.2010 um 16.00 Uhr im Musikpavillon am Weilerhau in Filderstadt-Plattenhardt der Vorhang zum ersten Mal in dieser Saison heben würde.

Die Geschichte von Bello dem Hund, der durch ein Wunder zu Herrn Bello wird, vom Apotheker Sternheim, der sich in die neue Mieterin, die reizende Frau Lichtblau verliebt, von dessen Sohn Max, der für eine Reihe unerwarteter Wendungen sorgt, von der mysteriösen Bianca, die das Ganze erst so richtig ins Rollen bringt.

Ein witziges und gleichzeitig poetisches Stück, das für Menschen ab fünf Jahren zum vergnügten Theatererlebnis wird.



Die Figuren.


Herr Sternheim.

Der Apotheker führt das schon lange in Familienbesitz befindliche Geschäft. Der Großvater hat alle möglichen Elixiere gebraut und wird daher heute noch posthum  „der Magier aus der Löwengasse“ genannt. Er lebt alleine mit seinem Sohn; die Ehefrau ist nach Australien abgehauen.


Max Sternheim.

Halbwüchsiger Sohn - hängt sehr an seinem Vater und liebt seinen Hund Bello. Er ist gar nicht glücklich darüber, dass der Papa offensichtlich mehr als angetan ist von der hübschen neuen Mieterin, und sinnt auf Abhilfe.


Frau Lichtblau.

Neue Mieterin im 1. Stock. Sie fühlt sich wohl im Apothekerhaus und findet ihrerseits Herrn Sternheim sehr sympathisch. Leider hat sie früher öfter schon schlechte Erfahrungen gemacht und reagiert daher besonders negativ auf Herrn Sternheims Geschichte zu Herrn Bello, von der sie annimmt, dass ihr schon wieder Lügen aufgetischt werden.


Bello.

Max hatte sich diesen Hund sehr gewünscht und da er fast immer da ist, wo auch Max ist, kommt Bello in die Apotheke gelaufen, wo noch die Flasche mit Biancas Elixier auf dem Tresen steht. In einem unbeobachteten Moment schlabbert Bello den Saft und wird zu Herrn Bello, der sich obendrein auch noch in Frau Lichtblau verliebt, weil sie ihn so schön „gestroichelt“ hat.


Polizistin.

Wichtigtuerische Dame, die den armen Herrn Bello unberechtigt des  Diebstahls bezichtigt


Bianca.

Alte Freundin von Sternheims Großvater. Für sie hat er wahrscheinlich das blaue Elixier komponiert. Sie bringt dieses nun zurück, weil sie schon sehr alt ist: Es soll nicht in Vergessenheit geraten.  - Merkwürdige Belllaute deuten auf ihre Affinität zu Hunden.


Frau Huhn.

Max hat nicht auf Papa gehört, der ihm verboten hat, die Hühner mit den, durch das Elixier gewachsenen, blauen Beeren zu füttern. Die Hühner haben die „Körner“ mit Vergnügen gepickt und so ist Frau Huhn entstanden.


Joe.

Kioskbesitzer, der eine Menge Krimskrams und Getränke verkauft.

Bei ihm wollen sich Herr Bello und Frau Lichtblau treffen.




Die Macher.


Der Vorhang fällt, der Applaus gilt den Schauspielern.

Meist unbeachtet, schier nicht existent, fristet ein Teil der Theatergruppe ein Dasein scheinbar weitab des wahrgenommenen Schauspiels. Nicht mehr bei mir. Ich habe mächtig dazu gelernt und werde mir in Zukunft die Namen und die Leistung der „stillen Teilhaber“ an dem Projekt Theater genauer anschauen.

Hier sind echte Profis am Werk. Wahre Künstler gestalten das Bühnenbild und Elektronikspezialisten kümmern sich um Licht und Ton. Anders kann es auf den großen Bühnen dieser Welt auch nicht sein. Zuweilen werden Modelle hergestellt, jede Menge Transportrollen verbaut, Scharniere in Wänden platziert. Alles darauf ausgerichtet, das Spiel innerhalb kürzester Zeit in einer anderen Szenerie weiter laufen zu lassen. Flaschen, Vasen, Bücher, Bilder dürfen dabei nicht ihren Halt verlieren. Die Accessoires des neuen Bühnenbildes müssen ihren exakt definierten Platz finden. Die Leuchten müssen funktionieren, die generelle Bühnenbeleuchtung installiert, eingerichtet und gesteuert werden. Die Toneinspielungen müssen sitzen. Die Schauspieler müssen beim Kostümwechsel unterstützt werden. Deren Gesichter müssen geschminkt, und während des Spieles oft auch umgeschminkt werden. Jemand muss sich um die Homepage kümmern, jemand muss kassieren, jemand muss das Ganze leiten, koordinieren, muss den Kontakt zur Presse aufnehmen und halten. Muss, muss, muss. Alles muss passen. Und wenn dann alles gepasst hat, hat niemand bemerkt, welch Aufwand dafür nötig war.


Nur wehe, wenn …


Barbara Metelmann.

Sie wird gehört, ohne laut zu sein. Sie wirkt bestimmt, ohne an Herzlichkeit zu verlieren. Sie polarisiert. Sie ist die uneingeschränkt akzeptierte „Mutter“ der Truppe. Künstlerische Leiterin, Regisseurin, Dramaturgin, genialer Kopf.  - „Die Eule“!

Über die Region bekannt und geschätzt ist sie eine anerkannte Größe des Amateurtheaters mit umfassender Bühnenerfahrung.

Ich beobachte sie. Sie sitzt an einem Tisch im Halbdunkel vor der Bühne. Die Proben laufen. Lediglich zwei alte Klemmleuchten bringen Licht auf ihre Texte. Im Gesicht spiegelt sich zart das Bühnenlicht. Ich meine ihre Augen auf den Text gerichtet zu sehen, als sie die Position eines Schauspielers korrigiert. Sie unterstreicht das Spiel mit ihrem Tonfall und gibt das Signal für den Einsatz der Technik. Während sie in ihrem Rückraum um Ruhe bittet, greift sie ohne Luft zu holen in das Geschehen auf der Bühne ein und strahlt doch Ruhe aus. Sie registriert alles und jeden. Sie ist nicht nur dabei, sie ist mitten drin. Sie ist hoch aufmerksam. Nur der hochfrequent tänzelnde Bleistift zwischen ihrem rechten Zeige- und Mittelfinger zeigt ihre Anspannung. Oder ist das nur ein Zeichen ihrer Konzentration?

Weit vor den Proben hat sie ihre Arbeit schon aufgenommen. Natürlich hat sie das Stück ausgewählt. Doch nicht nur das. Sie hat Figuren, Texte und Lieder entstehen lassen. Sie hat das Stück auf „ihr“ Theater zugeschnitten.

Wahre Größe hat, wer sich zurückhaltend einreihen kann.


Manuel Voigt.

Als Licht- und Tontechniker setzt seine Tätigkeit etwas später ein, als die der Schauspieler. Erst, wenn das Bühnenbild Gestalt annimmt ist die Technik auch gefordert. Wenn die Vorstellung läuft, ist es ohne Technik kaum denkbar. Ich muss schmunzeln, als ich ihm über die Schulter blicke. Ein Energieelektroniker in seinem Element. Mitte der 90er Jahre stand er auf der Bühne und jetzt, als wäre er für diese „Figur“ erschaffen worden, dirigiert er an unzähligen Reglern und Schiebern den Ionenfluss der Technik. Mit seinem Kollegen Benjamin Bruder führt er die Licht- und Tonregie. Er setzt Akzente, unterstreicht Stimmungen und rückt die Inszenierung erst ins rechte Licht.


Benjamin Bruder.

Da im Theater ohne Technik nichts läuft, oder zumindest sehr reduziert, sind Licht und Ton doppelt besetzt. Wer als Systemtechniker Sicherheits- und Alarmanlagen einbaut, bekommt auch die Theatertechnik in den Griff. Wie auch Manuel Voigt, stand auch er schon auf der Bühne der Eulen und rundet somit die geniale Verbindung zwischen Schauspiel und Technik ab. Klar hätte er gerne mehr Spezialeffekte, es müsse aber zum Stück passen, unterstreicht er. Ins Strahlen kommt der passionierte Feuerwehrmann, wenn er schildert, wie er seine Tonkonserven selber produziert.


Zlatko Duzbaba.

Fehlt er bei einer Probe, werden Fragen laut: „ … und wer macht den Vorhang? …wer lässt die Pflanze wachsen?“ Der Kulissenwechsel mutiert zu seinem eigenen Drama und endet im kollektiven Gelächter, wenn der eine drückt, wo der andere schiebt. Wissen, Umsetzung und Ziel. Drei Worte, die in Zlatko Duzbaba verschmelzen. Worte, die, während der Vorhang sich schließt, die Bühne in einen anderen Ort verzaubern. Undenkbar, fehlte er bei einer Aufführung. Eng ist seine Zusammenarbeit mit den Bühnenbauern und gewaltig sein Titel – Inspizient.

Irgendwie muss er auf Nebel stehen. Ein Geheimnis um den Tausendsassa, der sein Haupthaar in einem langen Pferdeschwanz zu tragen pflegt, das ich der Truppe nicht entlocken konnte. Lediglich schelmisches Lächeln begleitet dieses Thema. Ja, Theater ist einfach geheimnisumwoben.


Doris Heiland.

Sie hat sich auch mit Papierkunstausstellungen einen Namen gemacht und greift auf eine langjährige Erfahrung am Theater zurück. Schauspiel, Maske und Bühnenbild waren und sind ihre Passion. In idealer Ergänzung mit Gert Fontes lässt sie die Bühne in einem kurzen Zeitfenster zum echten Hingucker werden.


Gerd Fontes.

Der Papermaker!

Als waschechter Papierkünstler lässt er das Bühnenbild zum wahren Kunstwerk werden. Der freiberufliche Werbetechniker vollbringt Höchstleistung. Insbesondere die beengten Verhältnisse neben und hinter der Bühne geben einen schwierigen Rahmen vor. Die meisterliche Ausführung und die ausgeklügelte Konstruktion des Bühnenbildes bilden das optische Fundament für das gesamte Schauspiel.


Carola Rieder..

Kleider machen Leute!

Frei nach Gottfried Kellers Novelle drückt sie den Akteuren ihren unverkennbaren Stempel auf und macht diese erst zu dem, was deren Rollen fordern. Nicht nur das bloße Kleid ist Thema. Ein Buckel oder Bauch muss eingearbeitet werden. Das Kostüm ist so zu schneidern, dass ein sekundenschneller Kostümwechsel möglich ist. Als wahres Multitalent zeigt sie sich bei der Beschaffung der Requisiten und ... schminkt sie die männlichen Eulen, sind ihr entspannt zufriedene Blicke sicher. Sie ist Gründungsmitglied und Hüterin des Fundus. Es gibt kaum Spannenderes als einen gemeinsamen Spaziergang durch ihr Reich der Kostüme und Requisiten. Dass sie bereits für die Landesbühne Esslingen tätig war, bestärkt das Bild das ich von ihr gewonnen habe. Mit ihrer langjährigen Bühnenerfahrung bei den Eulen weiß sie, was sie den Schauspielern zumutet und zumuten kann.



Der Fundus.


Liebevoll gleiten ihre Hände über das bunte Allerlei auf den Kleiderbügeln.  „Ist das nicht schön? … Das hat 1993 der Werner getragen … In dem stand ich schon auf der Bühne … hier hängt unser König … und das, das ist …“. Ich bin mit Carola Rieder in der „Garderobe“ der Eulen. Sie betet die Figuren der Bühnen dieser Welt rauf und runter. Beschämt fange ich an, zustimmend zu nicken und freundlich zu lächeln. Ich muss mir eingestehen, viele Figuren gar nicht zu kennen. Mein Blick gleitet an ihr hinab und wieder hinauf, als sie ihr Alter erwähnt. Ich glaube es nicht. Gepflegt, adrett, gut gekleidet. Besonders gut, meine ich. Sie trägt rot-weiße Turnschuhe zu schwarzen Strümpfen und einem dunkelgrünen Rock. Dazu eine passende Jacke mit einer feinen Bluse. Jugendlichhippelegant würde ich das nennen, definitiv im positiven Sinn! Gleich bietet sie mir freundlich das Du an und … “das musst Du fotografieren … und das … sieh Dir das an …“. Sie beruhigt sich schier nicht mehr und sagt, „Das ist ja noch lange nicht alles! Wir haben im anderen Gebäude noch mehr“. Ich will es sehen. Mit dem Hinweis, dass ich mir jetzt eine Jacke anziehen muss, führt sie mich voller Begeisterung dort hin. Natürlich habe ich damit gerechnet, dass die Garderobe eines Amateurtheaters größer ausfällt als meine, aber nun bin ich sprachlos. Kostüme ohne Ende, dicht an dicht. Wir zwängen uns durch. Carola bahnt sich mit ihren Händen einen Weg, und wenn mein Blick irgendwo zu lange kleben bleibt, klatscht mir der nächste „Zwirn“ ins Gesicht. Ich bin im Dickicht eines Dschungels.

Ein besonderer Duft liegt in der Luft. Habe ich sie jetzt geschnuppert – die Theaterluft? Masken, alle möglichen und unmöglichen Requisiten, Stühle, Schränke, Kulissenteile und … Schuhe! Schöne, neue und auch so richtig ausgelatschte Treter. Da, ein besonderes Paar. Ich denke an Charly Chaplin und merke plötzlich, dass mir der Mund weit offen steht.

Nach meinem Urlaub in den Sommerferien besuche ich die Eulen wieder und spreche Carola auf den Stand der Kostüme für das aktuelle Stück an. Sie berichtet mir von einem Wasserschaden. Sommerlicher Starkregen hatte die Kanalisation überfordert. Gullys waren übergelaufen und in verschiedene Häuser drückte Wasser hinein. Im „Nest“ und den übrigen Räumen stand das ekelige Nass  fast 40 cm hoch. Beträchtlicher Schaden war entstanden und etliche Zusatzstunden des Ausräumens, Trocknens und Reinigens waren angefallen. Ihre dramatischen Schilderungen werden unterbrochen, weil … weil ein Huhn durch die Tür gackert. Alle Anwesenden applaudieren, meine Mundwinkel schlagen an den Ohren an, wie ich Susanne zum ersten Mal in ihrem Kostüm sehe.

Jetzt glaube ich zu erahnen, wie viele tausend solch wundervoller Überraschungen es in diesen Räumlichkeiten schon gegeben haben muss.



Die Akteure.


Tinka Zoberbier

Freunde haben sie zum Theaterspiel überredet. In Stuttgart hatte sie zum ersten Mal Bühnenluft geschnuppert, bis sie beruflich ins Ausland ging. Ihre Theatergruppe löste sich auf und nach ihrer Rückkehr spielte sie in englischer Sprache auf einer GI-Bühne, bis sie dann vor fast 10 Jahren ihre Bühnenheimat bei den Eulen gefunden hatte.

Ich erinnere mich noch gut an unser erstes Treffen. Sie saß da, vertieft in ihren Text, in einem dunkelblauen Kleid mit weißen Punkten. Große Ohrringe schmückten sie und im Gegenlicht überstrahlte ihr rotes Haar die gesamte Szenerie. Schauspieler müssen extrovertierte Typen sein. Menschen aus dem IT-Bereich habe ich bisher noch nie so erlebt.

Unbedingt erwähnen will ich meinen Favoriten. Es sind ihre Ohrringe in Form von Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren.


Werner Stumpp

Einst waren wir Arbeitskollegen. Auf dem Rückweg vom Mittagessen sah ich ihn immer wieder durch die Scheiben in einem Konferenzraum. Mit einer Hand wild gestikulierend, in der anderen ein bedrucktes Blatt Papier, ging er, einer Raubkatze gleich, auf und ab, während er zu reden schien. Irgendwann fragte ich und er erzählte mir von seiner Theaterleidenschaft. Eine Leidenschaft, zu der er überredet worden war. Ist es wirklich so, dass wir Menschen uns immer überreden lassen müssen, oder warten wir etwa nur darauf, dass uns jemand die richtige Frage stellt?

Er hat schon vielen Menschen eine „geklebt“ und wurde danach „abgeklatscht“! Zugegeben, es ist aus dem Zusammenhang gerissen, spannt aber den Bogen vom Beruf zum Schauspiel. Aus einer Vertriebsabteilung für Etiketten schlüpfte er in seiner „Freizeit“ in die unterschiedlichsten Theaterfiguren und genießt berechtigt den großen Applaus.


Thomas Joos

Ich habe ihn als zurückhaltenden und angenehmen Menschen kennengelernt.  Schon bei den Proben im Nest ist mir sein feines Mimenspiel aufgefallen. Als ich ihn dann aber bei den Bühnenproben singen hörte, war ich erst einmal nicht mehr in der Lage, den Auslöser der Kamera zu drücken. Ich will damit nicht sagen, dass es mir sein Gesang an sich angetan hat. Nein, die Art und Weise, wie er in einem Lied nach einer Pizza mit Wurst schmachtete, hat mich schier umgehauen. Ein echter Hund hätte seinen Speichelfluss wahrlich nicht mehr in den Griff bekommen und beim Publikum sorgte er für ein peinliches Knurren der Mägen. Prädikat: tierisch gut!

Bei dem Gedanken, dass er möglicherweise den Sprachfehler seiner Figur ins Berufsleben mitnimmt, fühle ich mich, unweigerlich lachend, an die Rühmann‘schen Paukerparodien erinnert.


Hüseyin Isik

Ich sehe ihn und bin mir sicher - der junge Liebhaber! Ich höre seinen Namen und bin mir sicher - das Mitglied mit Migrationshintergrund! Ich höre ihn reden – und er spricht definitiv besser deutsch als ich. Wie ich dann noch erfahre, hat dieses Stück nicht wirklich einen jungen Liebhaber.

Vorhang auf! Willkommen im Leben!

Ich fühle mich ertappt.

Für seine Leidenschaft nimmt er so manches in Kauf. Mit Ingolstadt als Wohnsitz hat er zweifelsfrei die längste Anreise zu Proben und Vorstellungen.

Respekt!


Johannes Ehret

Bei allen Akteuren, die einen singenden Part hatten, ist mir immer eine kleine Unsicherheit bei den Proben aufgefallen. Der Weg zur bühnenreifen Ausführung erschien schwieriger, als bei den bloßen Sprechrollen. Und jedes Mal, wenn Musik aus den Lautsprechern kam, viel mir Johannes Ehret auf. Musik liegt ihm im Blut und als ich später erfuhr, dass er Musiklehrer ist, wurde mir wieder klar, dass hier Profis Amateurtheater machen. Hätte ich ihn nur vor 40 Jahren kennengelernt. Ich würde heute sicher ein Instrument spielen.

Dem „jugendlichen“ Publikum wird er so schnell nicht aus dem Kopf gehen, entlockte er ihm doch ein lautes Raunen, als er seinen Kiosk öffnete und seine „Waren“ zeigte.


Susanne Fügel

Sie trägt einen großen Namen. Nein, ich meine weder Susanne von Borsody, noch Susanne Uhlen. Ich meine Fügel. Zigmal hatte ich Alfons- F(l)ügel-Straße falsch geschrieben, bis ich vor kurzem darauf aufmerksam gemacht wurde. Ich hatte recherchiert. Alfons Fügel war ein bekannter, in Filderstadt geborener, Tenor.  Und jetzt lerne ich jemanden aus dieser Familie kennen!? Nicht wirklich meint sie, ihre Heirat habe ihr zu dem Namen verholfen.

Wenn es blaues Blut gäbe, müssten ihre Adern damit gefüllt sein. Irgendwie wirkt sie vornehm aristokratisch auf mich. Nicht unnahbar, kalt und abweisend. Sie strahlt diese herzlich positiven Eigenschaften aus, die ich dem Hochadel zuschreiben würde.

Total überrascht und begeistert war ich schon bei den Proben, wie sie erst wild gackernd, total versprengt herumlaufend, dann noch im Gackerrhythmus ihren Text rezitierte.

Schauspiel pur! Klasse!


Karina Bergau

Jedes Ensemble hat sie. Die junge Schöne. Diese Figur braucht ein Theater einfach und mit ihr haben die Eulen einen Volltreffer gelandet.  Hübsch, nett und begabt. Eine Verbindung, die sicherlich nicht alltäglich ist.

Sind Leute wie sie der Grund, dass Schauspieler langsamer altern, dass keine alten Männer schauspielern, sondern Junggebliebene die Bühne rocken?!



Die Proben.


Dreißig Mal trafen sich die Eulen, um dieses Stück zu proben. Nein, es waren 30 Proben angesetzt, dem Hochwasser waren einige zum Opfer gefallen. Der Start war im März mit einer gemeinsamen Lesung. Es folgten Proben einzelner Szenen, aufeinander folgender Szenen und Szenengruppen, nach Schauspielern aufgeteilt. Erst nach den Sommerferien war das Ensemble komplett bei den Proben anwesend. Die Eulen verließen ihr „Nest“ und probten nun im zusehends fertig werdenden Bühnenbild.Stets herrschte eine konzentrierte Stimmung und ab und zu gönnte man sich ein Gläschen mit prickelndem Inhalt.

Für mich war es beeindruckend mit anzusehen, wie das Ganze zusammenwächst, wie ein Theaterstück entsteht.

Ein ganz besonderes Erlebnis!




Die Vorstellung.


Zwölf Mal standen Vorstellungstermine auf dem Programm und ich bin mir sicher, dass ich bei der Premiere genau so aufgeregt war, wie die Eulen selbst. Irgendwie habe ich auch dazugehört. Ein bisschen zumindest. Und irgendwie habe ich auch bei weiteren Vorstellungen mitgefiebert und gehofft, dass nichts schief geht.

Deutlich ist mir wieder geworden, wie direkt und hart Kinder als Zuschauer reagieren.  Gnadenloses Gähnen eines Fünfjährigen, wie euphorisches Trampeln und aufgerissene Augen von Zehnjährigen habe ich beobachtet. Kinder, die sich vor Spannung die Augen zuhalten und die Nähe ihrer Mutter suchen. Und irgendwann, wenn sich die Erwachsenen im Halbdunkel der Ränge unbeobachtet wähnten, glitzerten auch deren Augen und zeigten den Szenen angepasste Gesichtszüge.

Das Schauspiel funktioniert!

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